Epidemien


Epidemien
Epidemien
 
Epidemien sind Krankheiten (insbesondere Infektionskrankheiten), die in Intervallen, das heißt mit zeitlicher, aber auch örtlicher Begrenzung, auftreten und jeweils große Teile der Bevölkerung befallen. Es kann sich dabei um relativ harmlose Infekte (die aber auch Todesopfer fordern können) handeln, beispielsweise Grippe, oder um lebensbedrohliche Krankheiten wie Pest oder Cholera.
 
Hygienische Maßnahmen haben dazu geführt, dass Pest, Cholera und andere epidemisch verlaufende Krankheiten in den Industrieländern keine Gefahr mehr darstellen. Je mehr der Mensch aber in Gebiete vordringt, die bislang nicht zu seinem Lebensraum gehört haben, desto größer wird die Gefahr, dass er auf neue, noch nicht therapierbare Krankheitserreger trifft, beispielsweise auf das Ebolavirus. Vor allem durch den Ferntourismus ist eine schnelle weltweite Verbreitung neuer Krankheiten möglich. So traten beispielsweise im Sommer 1999 und 2000 in New York 81 Infektionen mit West-Nil-Fieber auf, davon acht mit tödlichem Ausgang. Nach Deutschland kehrten im Jahr 2000 mehr als 1 000 Reisende mit Malaria, übertragen durch Anophelesmücken, zurück. Auch an Denguefieber, das durch die Stechmücke Aedes aegypti verbreitet wird, erkranken jedes Jahr etwa 5 000 Deutsche nach Aufenthalten in Asien. Im Januar 2001 wurde deshalb das Infektionsschutz-Gesetz verabschiedet. Es dient zur Koordinierung der Abwehr ansteckender Krankheiten (Infektionskrankheiten) in Deutschland. Im Berliner Robert- Koch-Institut laufen alle Informationen zusammen. Fünf medizinische Behandlungszentren in Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig, Hamburg und München werden speziell zur Infektionsbekämpfung ausgerüstet. - Im Folgenden werden die Pest, die Cholera und das Ebolafieber exemplarisch für alle epidemisch verlaufenden Krankheiten vorgestellt.
 
 Epidemie, Endemie und Pandemie
 
Bei den Epidemien (von griech. epidemos: im Volk verbreitet) kommt es zu einem stark gehäuften, örtlich und zeitlich begrenzten Vorkommen von Infektionskrankheiten. Breitet sich eine Epidemie über einen gesamten Kontinent oder sogar weltweit aus, beispielsweise Aids, spricht man von einer Pandemie. Infektionskrankheiten mit einem örtlich begrenzten Auftreten, beispielsweise die Malaria in subtropischen und tropischen Sumpfgebieten, werden als Endemie bezeichnet.
 
Bei den Endemien ist eine Ausbreitung in andere Regionen ausgeschlossen, weil der Krankheitserreger oder sein Zwischenwirt auf bestimmte klimatische Verhältnisse zum Überleben angewiesen ist. Der Erreger ist in diesen Regionen ständig vorhanden. Bei den Epidemien unterscheidet man noch zwischen Tardivepidemien, Explosivepidemien und Saisonkrankheiten. Bei einer Tardivepidemie (auch Kontaktepidemie genannt) werden die Krankheitserreger durch zwischenmenschlichen Kontakt (seltener über Tiere) übertragen. Als Infektionsquelle kommen Dauerausscheider, Infizierte oder Erkrankte infrage. Das Ebolafieber und Aids sind Beispiele hierfür. Bei den Explosivepidemien wird die Krankheit durch Erreger in Nahrungsmitteln, Wasser oder Milch übertragen, wodurch sehr schnell eine große Gruppe von Menschen infiziert wird (z. B. bei Cholera und Typhus). Die Saisonkrankheiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie in gewissen Gegenden endemisch vorkommen und sich bei geeigneten Witterungsverhältnissen epidemisch ausbreiten, wie beispielsweise die Grippe. Bei Tierepidemien werden dementsprechend die Begriffe Epizootie, Panzootie und Enzootie gebraucht.
 
 Die Erreger von Epidemien
 
Vier Erregertypen kommen als Auslöser von Epidemien infrage: Plathelminthes, Protozoen, Bakterien und Viren.
 
Zu den Plathelminthes (Plattwürmer) gehören die Filarien und die Trematoden. Filarien (Fadenwürmer) sind auf die Tropen und Subtropen beschränkt. Diese bis zu 10 cm langen dünnen Würmer leben im Lymphsystem oder im Bindegewebe des Menschen, vermehren sich dort und geben ihre mikroskopisch kleinen Larven ins Blut ab. Von dort gelangen sie in ihren Zwischenwirt, ein Blut saugendes Insekt, wo sich die Larven weiterentwickeln und schließlich auf den nächsten Menschen übertragen werden. Elephantiasisepidemien werden beispielsweise durch Filarien hervorgerufen.
 
Die Trematoden (Saugwürmer) gehören ebenfalls zu den Plathelminthes. Als Zwischenwirt fungieren bei ihnen Süßwasserschnecken, in denen sich die Larven entwickeln. Sie gelangen ins Wasser und müssen von dort die Haut des Menschen durchbohren, um sich in Leber, Darm und Harnblase zu etwa 1,5 cm langen adulten (ausgewachsenen) Würmern zu entwickeln. Eines der durch Trematoden hervorgerufenen Krankheitsbilder ist die Bilharziose. Die Trematoden sind auf Süßwasserflächen in den Tropen und Subtropen beschränkt.
 
Protozoen (Urtierchen) sind einzellige Eukarioten (Organismen mit Zellkern). Protozoen der Gattung Plasmodium sind die Erreger der Malaria, die Mücken der Gattung Anopheles die Überträger dieser Krankheit. Malaria tritt überall dort auf, wo Anophelesmücken überleben können, in warmen und feuchten Gebieten bis hin zum Donaudelta und früher auch oft in Italien.
 
Die Bakterien und die Archäbakterien, kleine Einzeller ohne Zellkern, bilden das Organismenreich der Procaryotae. Zu ihnen gehören unzählige Krankheitserreger. Cholera-, Typhus-, Lepra- und Pestepidemien werden beispielsweise von ihnen verursacht. Bakterien sind i. Allg. nicht ortsgebunden und können sich überall auf der Welt vermehren.
 
Viren gehören streng gesehen gar nicht zu den Lebewesen, da sie keinen eigenen Stoffwechsel betreiben. Sie können nur ihre Erbsubstanz in fremde Zellen einbringen und deren Stoffwechsel derart umprogrammieren, dass die befallenen Zellen neue Viren produzieren. Auch die Viren sind für unzählige Krankheiten verantwortlich, so auch für die Pocken, das Ebolafieber und Aids.
 
 Die Pest als Musterbeispiel für eine Epidemie
 
Im Mittelalter hießen alle tödlichen Epidemien Pest, nach dem lateinischen Wort pestis, das Seuche oder Pest bedeutet. Inzwischen versteht man unter Pest die Krankheit, die von dem Bakterium Yersinia pestis verursacht wird. Der Wirtsbereich für Yersinia pestis sind alle Säugetierarten, für Yersinia pseudotuberculosis Nagetiere, Vögel, Geflügel, Nutztiere, Mensch und für Yersinia enterocolitica Nagetiere, Nerz, Chinchilla, Haustiere, Schwein und Mensch.
 
Yersiniainfektionen gehören zu den Anthropozoonosen.
 
Yersinia pestis kommt endemisch bei Wildnagetieren (beispielsweise Ratten) in den USA, Südamerika, Südafrika, Madagaskar, im Mittleren Osten, in Kasachstan, China, Vietnam, Indien oder der Mongolei vor. Infizierte Flöhe können praktisch alle Säugetierarten infizieren. Es gibt Yersinia-pestis-resistente Nagetierarten. Yersinia pseudotuberculosis kommt endemisch bei Wildnagetieren vor (unter anderem in Japan). Auch bei Wildvögeln, Wassergeflügel und in Gewässern konnte Yersinia pseudotuberculosis isoliert werden. Dieses Reservoir führt wahrscheinlich zur Kontamination von Nahrungsmitteln. Yersinia enterocolitica der Biotypen II bis IV kommt im Wesentlichen bei Schlachtschweinen vor (Mandeln, Darm, Zunge), aber auch Haustiere können latent infiziert sein. Biotyp-III- und -V-Yersinien haben gehäuft zu Infektionen bei Nerzen und Chinchillas in Pelztierfarmen sowie Wildhasen geführt, selten dagegen beim Menschen.
 
Yersinia enterocolitica Biotyp I B kommt gehäuft bei Wildnagetieren, Füchsen und Waschbären sowie in Gewässern der USA vor. Wenn Nagetiere, die in unmittelbarer Umgebung des Menschen wohnen, durch Kontakt mit Wildtieren infiziert werden, dann tragen sie die Krankheit in die unmittelbare Umgebung des Menschen. Beispiele für derartige Nagetiere sind die Wanderratte (Rattus norwegicus), die Hausratte (Rattus rattus) und die Hausmaus (Mus musculus). Sie bringen die pestübertragenden Flöhe (hauptsächlich den Rattenfloh, Xenopsylla cheopis) in die Nähe des Menschen. Weiterhin finden sich Pestbakterien im Auswurf und im Kot der Tiere. Yersinia enterocolitica und Yersinia pseudotuberculosis werden durch kontaminierte Nahrungsmittel (häufig rohes Schweinefleisch, Innereien, Milch, Wasser und anderes) aufgenommen. Auch infizierte Haustiere und Zootiere können zur Infektionsquelle (insbesondere für Kontaktinfektionen mit Yersinia pseudotuberculosis) werden. Die Erreger bleiben auch im eingetrockneten Zustand über mehrere Monate hinweg infektiös.
 
Die Infektionswege der Pest und die verschiedenen Ausprägungen der Krankheit
 
Stiche von infizierten Flöhen führen normalerweise zur Erscheinungsform der Beulenpest. Bereits infizierte Personen können andere durch Tröpfcheninfektion anstecken, hierbei kommt es zur Lungenpest. Wenn Pestbakterien auf die Mund- oder Rachenschleimhaut gelangen, führt dies zur Pestsepsis, die auch auftritt, wenn Pestbakterien im Verlauf einer Lungen- oder Beulenpest in die Blutbahn gelangen und sich dort rasant vermehren. Die Beulenpest (Bubonenpest) macht sich nach einer Inkubationszeit von 2 bis 10 Tagen durch Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Übelkeit und allgemeines Unwohlsein bemerkbar. Die Lymphknoten an der Leiste, in den Achselhöhlen und am Hals schwellen zu schmerzhaften Beulen (Bubonenpest) an. Der Lymphknotenschwellung gehen uncharakteristische Symptome wie Fieber (bis 40,5 ºC) mit Schüttelfrost, beschleunigter Puls und schnelle Atmung voraus. Durch das Öffnen der Beulen ist eine Heilung möglich. In diesem Fall sinkt die Temperatur nach etwa fünf Tagen ab und erreicht nach zwei Wochen wieder den Normalwert. Andernfalls stirbt der Kranke nach etwa vier Tagen. Die Inkubationszeit der Lungenpest beträgt nur einige Stunden. Sie macht sich durch Fieber, Husten und Brustschmerzen bemerkbar. Es kommt zu Bluthusten, der erst dunkelrot und später hellrot erscheint. Die Lungenpest (Pestpneumonie) ist hochinfektiös (Tröpfchen) und verläuft in ein bis drei Tagen nach Infektion in 50 bis 90 % der Fälle tödlich. Sie war eine der Hauptursachen für die schnelle Verbreitung der Pest in den kälteren Klimazonen. Die Pestsepsis erkennt man an dem plötzlich einsetzenden hohen Fieber und an der dunkelroten Verfärbung der Haut, die nach wenigen Stunden auftritt. Meistens stirbt der Patient noch am gleichen Tag. Die dunkelrote Verfärbung der Haut tritt bei allen Pestkranken als Folge des Atemversagens kurz vor dem Tod auf und hat der Krankheit den Namen schwarzer Tod eingebracht. Ohne Behandlung mit Antibiotika endet die Beulenpest zu 30 bis 75 % tödlich, die Lungenpest bis zu 90 % und die Pestsepsis zu 100 %. Resistenzen gegen übliche Antibiotika sind bei Yersinia pestis bisher nicht bekannt. Als besonders effektiv hat sich Streptomycin mit anschließender Tetracyclintherapie erwiesen. Ebenfalls möglich sind Gaben von Tetracyclin oder Chloramphenicol. Die Sterberate liegt dann bei 5 bis 10 %.
 
Geschichte der Pest
 
Die Pest war und ist in den zentralasiatischen Hochsteppen endemisch. Von dort aus hat sie sich immer wieder in großen Epidemien über ganz Asien, Europa und Nordafrika verbreitet. Der erste schriftliche Bericht (aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. ) über eine Pestepidemie findet sich in der Bibel (1. Buch Samuel, Kapitel 5 und 6). Sie berichtet darüber, wie sich die Pest, die im Heer der Philister ausgebrochen war, auf deren Städte ausbreitete. Die Philister opferten »fünf goldene Beulen und fünf goldene Mäuse« als Bilder der Beulen und der Mäuse, die ihr Land verdorben hatten. Interessant hierbei ist, dass die Mäuse als Quelle der Beulenpest, um die es sich hier zweifellos handelte, bereits bekannt waren.
 
Weitere antike Beschreibungen von Pestepidemien finden sich bei Homer, Lukrez und bei Thukydides, der die Pestepidemie von 430/429 v. Chr. in Athen zur Zeit des Peloponnesischen Krieges ausführlich beschreibt. Die justinianische Pest im Jahre 542 n. Chr. dehnte sich von Ägypten aus auf ganz Europa aus und forderte mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Byzantinischen Reiches als Opfer. Die rasante Eroberung byzantinischer Gebiete durch die Araber lässt sich ohne diese vorhergehende Schwächung des Reiches nicht erklären. Die größte Pestpandemie erfasste ganz Europa in den Jahren 1347 bis 1352. Sie war in Indien ausgebrochen und hielt sich sehr lange (1325 bis 1351) auf dem Subkontinent. Über Handelswege (Seidenstraße, Schiffsroute durch den Indischen Ozean und das Rote Meer) gelangte sie 1347 nach Byzanz. Von dort aus brachten nur drei Handelsschiffe die Seuche nach Sizilien, wo sie die Hafenstadt Catania vollständig entvölkerte und insgesamt 530 000 Opfer forderte. Über Bologna (30 000 Tote), Siena (80 000 Tote) und Venedig (40 000 Tote) zog die Pest nach Mitteleuropa (1348/49) und von dort aus nach ganz Europa weiter. In den drei Jahren, in denen der schwarze Tod in Europa wütete, forderte er etwa 25 Millionen Opfer, ein Drittel der Bevölkerung. Die mittelalterliche Medizin hatte die Zusammenhänge zwischen Ratten und Mäusen und der Pest, die in der Spätbronzezeit bereits bekannt waren, vergessen. Stattdessen wurden giftige Dünste, unsichtbare Insekten und schließlich die Juden als angebliche Brunnenvergifter für die Seuche verantwortlich gemacht. Die Behandlungsversuche der mittelalterlichen Ärzteschaft waren entsprechend stümperhaft. Venedig führte als erste europäische Metropole sinnvolle Gegenmaßnahmen ein. Ab 1348 durften Fremde die Stadt nur betreten, wenn sie mit einem Pestbrief nachweisen konnten, dass sie aus einer pestfreien Gegend kamen. Ansonsten mussten die Reisenden zur Beobachtung ihres Gesundheitszustandes 40 (ital.: quaranta) Tage auf der Insel Santa Maria di Nazareth in einem Lazaretto verbringen. Diese Maßnahme gab der Quarantäne ihren Namen. Andere Städte und Länder folgten Venedig nach. Vor allem die Einrichtung von Quarantänestationen im 16. Jahrhundert entlang der habsburgischen Militärgrenze gegen das Osmanische Reich verhinderte recht erfolgreich das Eindringen der Pest nach Mitteleuropa. Die Pest war damit aber nicht gänzlich besiegt, sondern flackerte immer wieder einmal in Europa auf. Die letzte große Epidemie suchte 1665/1666 London heim. 1860 verbreitete sich die Pest von China aus zum letzten Mal als große Pandemie, die durch Handelsschiffe (Ratten an Bord) in fast alle Hafenstädte der Welt getragen wurde und zwölf Millionen Opfer forderte. Europa blieb dank seuchenhygienischer Maßnahmen weitgehend verschont. Es gilt als gesichert, dass A. Yersin und nicht S. Kitasato den Pesterreger 1894 in Hongkong entdeckt hat. Der Japaner M. Ogata konnte 1897 nachweisen, dass Flöhe sich bei an Pest erkrankten Ratten infizieren und den Pesterreger auf Tiere und Menschen übertragen können.
 
Erst 1965 wurden der Genusname Yersinia und die Zuordnung zur Familie Enterobacteriaceae festgelegt.
 
Die Pest heute
 
In der Zwischenzeit ist die Behandlung der Pest mit Antibiotika möglich. Moderne seuchenhygienische Maßnahmen können zwar nicht verhindern, dass ein mit der Pest infizierter Mensch nach Europa einreist, sie greifen aber nach dem Ausbruch der Krankheit und verhindern eine Verbreitung derselben. Mit Yersinia pestis verseuchte Nagetiere gibt es immer noch in Zentralasien, in Ost- und Zentralafrika, auf Madagaskar, in Südamerika und in den Rocky Mountains. Eine Infektion mit der Pest ist in diesen Gebieten möglich. Durch den modernen Tourismus ist die Gefahr der Einschleppung der Pest, wie auch anderer ansteckender Krankheiten, wieder angestiegen. Glücklicherweise ist die Übertragungskette für die Pest (Ratte - Floh - Mensch) durch das Fehlen (normalerweise) der Blut saugenden Flöhe unterbrochen.
 
 Prävention der Pest
 
Yersinia-pestis-Infektionen können verhütet werden durch Abgrenzung von Pestherden (Pestherdkontrolle). Eine aktive Impfung ist möglich. Prophylaktisch können Antibiotika eingenommen werden.
 
Yersinia-enterocolitica- und Yersinia-pseudotuberculosis-Infektionen können durch entsprechenden Hygienestandard in der Lebensmittelherstellung und Tierhaltung erreicht werden. Eine Impfung gibt es bisher nicht.
 
 
Eine weitere Krankheit, die auch in Europa als Epidemie aufgetreten ist, ist die meldepflichtige, toxinbedingte Cholera (griech. cholera, Gallenbrechdurchfall). Der Choleraerreger ist das Bakterium Vibrio cholerae (heute meist Biovar eltor), das in fast allen tropischen und subtropischen Gebieten verbreitet ist, ganz besonders in Asien, Lateinamerika und Afrika. Das einzige Erregerreservoir ist der Mensch. Die Infektion erfolgt über verseuchtes Wasser und gewässerte Lebensmittel, die Inkubationszeit beträgt wenige Stunden bis fünf Tage. Die Bakterien heften sich an die Darmwand, dringen aber nicht in die Zellen ein. Um die toxische Wirkung voll entfalten zu können, müssen die Vibrionen wahrscheinlich in engen Kontakt zur Schleimhaut treten. Sie sondern Choleratoxin (Choleragen) ab, ein Protein, das die Dünndarmzellen zu vermehrter Ionen- und Wassersekretion veranlasst (Dehydrierung). Die gewaltigen Ionen- und Flüssigkeitsmengen, die dadurch in das Dünndarmlumen gelangen können, werden im Dickdarm nicht in ausreichender Weise rückresorbiert, sondern durch unstillbares Erbrechen und reiswasserartige Durchfälle ausgeschieden. Die resultierende massive Austrocknung bewirkt eine starke Kreislaufschädigung und führt zu Übersäuerung, Herzrhythmusstörungen, Krämpfen, verminderter Harnausscheidung und Harnvergiftung. Unbehandelt führt die Cholera oft zum Tod (Sterberate 70 %) durch Nieren- und Kreislaufversagen. Die moderne Medizin setzt gegen den Erreger Tetracycline ein und gegen die Dehydrierung physiologische Salz- und Zuckerlösungen. Dadurch ist die Prognose bei einer rechtzeitig behandelten Choleraerkrankung gut.
 
 Epidemiologie der Cholera
 
Die Cholera ist seit dem Altertum vorwiegend in Indien endemisch verbreitet. Seit 1817 sind sieben Pandemien beschrieben worden. Der letzte große Ausbruch in Deutschland ereignete sich 1892. Gegenwärtig ist sie hauptsächlich in Asien, Afrika und Lateinamerika zu beobachten. Aus Lateinamerika wurden in den Jahren 1991/92 noch 745 309 Fälle, darunter 6 403 mit Todesfolge, gemeldet. Diese Epidemie ging von Peru aus. 1993 kam es zu einer weiteren Choleraepidemie, die durch eine bisher unbekannte Serogruppe hervorgerufen wurde. Sie breitete sich rasch von Madras über Bangladesh nach Thailand aus.
 
Ferner kommen Choleraerkrankungen vereinzelt durch importierte verunreinigte Nahrungsmittel zustande. Magen- und Darmschleimhautentzündungen durch den Choleraerreger sind vorwiegend aus Japan bekannt. Durch den traditionellen Genuss roher Meeresfrüchte ist das Erkrankungsrisiko dort deutlich erhöht. Außerdem wird befürchtet, dass die Wassertemperaturen der Meere steigen und die halophilen Vibrionen durch die damit günstigeren Lebensbedingungen an Bedeutung zunehmen könnten. In den vergangenen Jahren wurden halophile Vibrionen bereits mehrfach aus verschmutzten Binnengewässern mit erhöhten Salzkonzentrationenen isoliert.
 
 Prävention der Cholera
 
Durch entsprechende Aufbereitungsmethoden des Trinkwassers ist die Cholera aus Europa verschwunden. In südlichen Ländern kann eine Infektion durch die Einhaltung einfacher hygienischer Maßnahmen vermieden werden: kein Leitungswasser trinken oder zum Zähneputzen benutzen (Mineralwasser stattdessen), keine Eiswürfel in Getränke geben, keine rohen Speisen essen (Obst, Salate, Meeresfrüchte, Speiseeis) und aufgewärmte Speisen meiden. Von einer eingeschleppten Choleraerkrankung geht bei normalem hygienischem Verhalten so gut wie keine Ansteckungsgefahr aus. Eine Impfung gegen Cholera ist möglich.
 
 Ebolafieber (Ebolaviruskrankheit)
 
Das Auftreten des Ebolavirus im Jahre 1976 hat die Weltöffentlichkeit schockiert, war doch eine vollkommen neue Krankheit aufgetreten. Die meldepflichtigen Infektionen mit dem Ebolavirus gehören zu den gefährlichsten übertragbaren Erkrankungen beim Menschen. Das Ebolavirus ist ein RNA-Virus aus der Familie der Filoviridae. Die Übertragung erfolgt durch Schmierinfektion, das heißt, das Virus wird durch Kontakt mit Blut oder anderen Körpersekreten, vor allem durch unsachgemäß gereinigte und sterilisierte medizinische Instrumente wie Spritzen, übertragen. Nach einer Inkubationszeit von 3 bis 16 Tagen kommt es zum plötzlichen Krankheitsausbruch mit Fieber, Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Übelkeit und Muskelschmerzen. In der Folge treten Schwindel, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall auf. Die Infektion breitet sich über den gesamten Organismus aus, wobei Leber, Niere, Milz und Lunge besonders stark befallen sind. Bei der Mehrzahl der Patienten treten nach fünf bis sieben Tagen schwere Blutungen der Schleimhäute und inneren Organe auf. Am häufigsten betroffen sind der Magen-Darm-Kanal, die Lunge und das Zahnfleisch. Blutungen sind die Vorboten für einen tödlichen Ausgang, der im Allgemeinen nach 7 bis 16 Tagen in einem schweren Schockzustand eintritt. Das Ebolafieber verläuft in 50 bis 90 % der Fälle tödlich.
 
Eine Therapie gibt es gegenwärtig noch nicht, genauso wenig wie einen Impfstoff. Es kann nur auf die einzelnen Symptome Einfluss genommen werden.
 
 Epidemiologie des Ebolafiebers
 
Das Ebolavirus kommt in Afrika endemisch vor. Es wurde zum ersten Mal 1976 in der westlichen Äquatorprovinz des Sudan und der angrenzenden nördlichen Region der Demokratischen Republik Kongo (bis 1997 Zaire) beobachtet. In den gleichen Ländern kam es 1977, 1979 und 1995 zu weiteren Ausbrüchen, bei denen jedes Mal mehrere Hundert Personen betroffen waren. Kleinere Ausbrüche traten an der Elfenbeinküste und in Gabun auf.
 
Bei den afrikanischen Ebolavirus-Ausbrüchen wurde die Infektion in der Regel vom Infizierten auf die nächsten Angehörigen übertragen. Nach der Einlieferung infizierter Patienten in ein Krankenhaus kam es dort in der Regel zu massiver Ausbreitung der Krankheit durch verunreinigte ärztliche Instrumente und direkten Blut- und Sekretkontakt.
 
Durch Verbesserung der hygienischen Bedingungen (Einmalspritzen, Atemschutz, Einmalhandschuhe, strenge Quarantäne) kam es dann regelmäßig zum Erliegen des Ausbruchs.
 
 Prävention des Ebolafiebers
 
Chemotherapie- oder Immunisierungsansätze zur Prophylaxe von Filovirusinfektionen sind nicht bekannt. Isolierung der Patienten und Schutz des behandelnden Personals durch Sicherheitskleidung sind geeignete Mittel gegen die Ausbreitung der Krankheit.

Universal-Lexikon. 2012.

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